Liebe Schwestern und Brüder,
neulich ist mir dieser Satz begegnet: „Schildkröten können mehr über den Weg erzählen als Hasen.“ Zuerst musste ich schmunzeln – doch je länger ich über ihn nachdachte, desto mehr spürte ich, wie viel Wahres darin steckt.
Ich kenne das gut von mir selbst: Wie oft eile ich durch meine Tage wie der Hase – von Termin zu Termin und merke gar nicht, was rechts und links am Wegrand liegt. Die Schildkröte dagegen geht langsam. Sie spürt jeden Stein unter sich, riecht die Luft, sieht das Licht, das sich durch die Blätter verändert. Sie hätte mir etwas zu erzählen – wenn ich ihr nur zuhören würde.
Jetzt beginnt die Ferienzeit, und ich freue mich darüber – nicht nur, weil ich hoffe, selbst ein wenig zur Ruhe zu kommen, sondern weil ich glaube, dass genau diese Wochen uns allen etwas schenken wollen: die Erlaubnis, langsamer zu werden. Egal ob Sie verreisen oder zu Hause bleiben – ich wünsche mir für uns alle, dass wir in diesem Sommer öfter Schildkröte sein dürfen als Hase.
Denn ich habe die Erfahrung gemacht: Gott begegnet mir selten im Sturm meines Alltags. Meist ist es leiser. So wie einst dem Propheten Elija, der Gott nicht im Erdbeben und nicht im Feuer fand, sondern erst im „sanften, leisen Säuseln“ (1 Kön 19,11–13). Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: dass ich Gottes Stimme am ehesten dann höre, wenn ich innehalte – bei einem Spaziergang, beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, in einem stillen Moment auf der Kirchenbank oder einfach beim Nichtstun unter freiem Himmel.
Für mich sind Urlaub und Ferien deshalb mehr als eine Pause vom Tun. Sie sind eine Einladung zum Sein. Eine Gelegenheit, wieder aufmerksam zu werden – für meine Mitmenschen, für die Schönheit der Schöpfung, und für meine eigene Beziehung zu Gott, die im Trubel des Jahres so oft zu kurz kommt.
Deshalb wünsche ich Ihnen von Herzen: Werden Sie in diesem Sommer ein wenig zur Schildkröte. Nehmen Sie sich die Zeit, den Weg zu spüren, nicht nur das Ziel zu suchen. Und vertrauen Sie mit mir darauf, dass Gott uns gerade auf diesem langsameren Weg ganz besonders nahe ist.
Eine gesegnete und erholsame Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihr
Michael Knipp, Pfarrer