Liebe Schwestern und Brüder,
was war das für ein Sommer. Immer neue Rekorde. Temperaturen um die 40 Grad brachten uns Menschen und die Natur an den Rand der Belastungsgrenze. Unsere Wiesen vertrockneten, selbst Vater Rhein führte kaum Wasser und um so manche Ernten machen sich die Bauern und Winzer Sorgen. Wenn wir jetzt Erntedank feiern, spüren wir deutlicher als sonst: Die Erde, die uns trägt, ist verletzlich – und sie leidet unter dem, wie wir mit ihr umgehen.
Auch die Intension des Erntedankfestes ändert sich. War es früher ein Fest des Dankes, so stellt dieses Fest uns heute die Frage: Gehen wir sorgsam mit dem um, was uns geschenkt ist – oder wie mit einer endlosen Ressource?
Genau darauf hat Jesus immer wieder hingewiesen. Er lehrt uns, im Vaterunser um das "tägliche Brot" zu bitten – nicht um Vorräte für Jahre, sondern um das, was für den Tag reicht (vgl. Mt 6,11).
Am eindrücklichsten erzählt er das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lk 12,13–21). Ein Mann erntet so reich, dass er seine Scheunen abreißt und größere baut, um alles für sich zu horten. Doch noch in derselben Nacht endet sein Leben – und die Frage bleibt, wem all das dann gehört. Jesus mahnt, sich vor jeder Art von Habgier zu hüten, denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Besitz ab (vgl. Lk 12,15).
Aber Vorsicht: Der reiche Kornbauer ist kein böser Mensch. Er vergisst nur, dass Ernte ein Geschenk ist – kein Verdienst, den man grenzenlos anhäufen dürfte.
Wir wissen, wohin es führt, wenn wir unsere "Scheunen" immer größer bauen – wenn Wachstum und Verbrauch keine Grenze mehr kennt. Die immer heißeren Sommer, das Ausbleiben von Regen sind auch eine Frucht unseres Umgangs mit dem, was uns anvertraut ist.
Erntedank fordert uns heute besonders heraus, neu über das rechte Maß nachzudenken: Wie viel brauchen wir wirklich? Maßhalten ist dabei kein Verzicht aus Angst, sondern – ganz im Sinne Jesu – eine Haltung des Vertrauens und der Dankbarkeit. Wer dankbar ist für das, was er hat, muss nicht ständig mehr wollen.
Vielleicht ist das die Frucht dieses Erntedankfestes: uns neu daran erinnern zu lassen, dass wir Verwalter und nicht Besitzer der Schöpfung sind – und dass ein Leben im rechten Maß nicht Mangel bedeutet, sondern Freiheit.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen Herbst und genießen wir ganz bewusst das, was wir geerntet haben.
Ihr
Michael Knipp, Pfr.